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Quentin Tarantino 1963 in Knoxville, Tennessee, geboren, wurde Quentin Tarantino von seiner 16jährigen Mutter nach der Figur Quint, gespielt von Burt Reynolds, aus der Fernsehserie Gunsmoke (Rauchende Colts) benannt. Gemäss anderen Quellen stand das Mädchen Quentin aus William Faulkners Roman The Sound and the Fury Pate. Wie dem auch sei, Tarantino wuchs in der South Bay am Südrand von Los Angeles mit Fernsehen, Kino und Comics auf. Er war ein hyperaktives und hochintelligentes Kind mit verschiedenen Vätern bzw. Erziehungsberechtigen. Nach der frühen Scheidung seiner Eltern hatte Quentin keinen Kontakt mehr zu seinem leiblichen Vater Tony, nahm aber trotzdem später dessen Familiennamen Tarantino an. Quentin war Legastheniker und hasste die Schule, von der er in der zehnten Klasse abging, um als Kartenabreisser im Pornokino Pussycat Theatre in Torrance zu arbeiten. Gleichzeitig nahm er Schauspielunterricht. Fünf Jahre seines Lebens verbrachte er als video clerk in einem Laden namens Video Archives im kalifornischen Manhattan Beach, ehe er zum Drehbuchautor und gefeierten Regisseur mit Kultstatus aufstieg. Einen kurzen Gefängnisaufenthalt musste er einschalten, weil er ein Ticket fürs Falschparken nicht bezahlen konnte. Peter Körte weist darauf hin, dass Quentin seine eigene Biographie ein wenig fiktionalisierte und sich Auftritte in George Romeros Knightriders (1980) und in Jean-Luc Godards King Lear (1987) zuschrieb. Seinen realen Auftritt als Elvis-Impersonator in der Serie Golden Girls dagegen unterschlug er. Wenn die Legende zur Tatsache wird... In den Jahren 1984 bis 1986 arbeitete Tarantino am Film My Best Friend's Birthday, der unvollendet blieb. Bereits mit seinem Erstlingswerk, Reservoir Dogs (1992), in dem er zugleich Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller war, wurde er zum Kultregisseur. Kurz zuvor hatte er sich bei einem einmonatigen Studienaufenthalt am Sundance Institute von Robert Redford in Utah mit den Grundlagen des Regie- und Kamerahandwerks vertraut gemacht. Ohne eine Filmschule absolviert zu haben, drehte er Reservoir Dogs, sogleich ein Kultfilm, der ihm alle Türen öffnete. Mit einem Budget von eineinhalb Millionen produziert, spielte er in den amerikanischen Kinos zwar nur drei Millionen ein, doch war er dennoch profitabel. Erst mit Pulp Fiction und dem dadurch angeheizten Kassettenverkauf spielte der Film weltweit aussergewöhnlich viel Geld ein. In England war das Video übrigens wegen der Gewaltszenen während fast zweieinhalb Jahren indiziert. Quentin Tarantino schrieb auch einige Drehbücher, so zwischen 1987 und 1989 für True Romance (1993) von Tony Scott, wobei er Scotts nachträglich hinzugefügtes Happy End kritisierte, und für Natural Born Killers (1994) von Oliver Stone, von dessen Film er sich allerdings ausdrücklich in der Öffentlichkeit distanzierte. Das Drehbuch für Natural Born Killers basierte auf dem Werk The Open Road von Roger Avary, Tarantinos Arbeitskollege bei Video Archives. Zusammen mit Lawrence Bender (*1958) gründete Tarantino anfangs der 1990er Jahre die Produktionsfirma A Band Apart. 1997 folgte die Etablierung der Plattenfirma A Band Apart Records, auf der sie die - zumeist genialen - Soundtracks zu Tarantinos Filmen veröffentlichen. Der Vertrieb erfolgt über Madonnas Maverick Records. 994 drehte Tarantino seinen zweiten Film, Pulp Fiction, der die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes gewann. Der mit einem Budget von acht Millionen Dollar gedrehte Film brachte Miramax einen Gewinn von 100 Millionen Dollar ein. Der Film lebt vor allem von der Unberechenbarkeit der genialen Geschichte, vom Überraschungseffekt dank der Umsetzung der Maxime "answers first, questions later". Das Zuschauerinteresse wird mittels Überrumpelung geweckt und wachgehalten. Erst beim zweiten Hinsehen fallen einem die Imperfektionen von Pulp Fiction auf. Daneben trägt die geschickt ausgewählte und ebenfalls aus dem Rahmen des Üblichen fallende, erfrischend wirkende Musik den Film, die für sich allein genommen schon Kultstatus hat. Selbst das Buch zum Film schaffte es in England unter die Top Ten der Bestsellerliste und verkaufte sich über 165,000 mal. Pulp Fiction besteht aus einer Reihe von Filmzitaten, die aus der Welt der Killer, Dealer, Gauner und Boxer stammen. Tarantino meinte dazu selbstbewusst: "Grosse Künstler stehlen, sich machen keine Hommage." Doch handelt es sich dabei nicht um einfache Kopien von Szenen aus früheren Filmen, sondern um ironische Zitate, die Komik und Spannung entstehen lassen. Kritiker schrieben, Pulp Fiction gehöre in die Kategorie der geek movies. Der geek war in den Zeiten des Vaudeville die unterste Charge im Showbusiness, der Mann, der den Hühnern für ein Nachtlager und eine Flasche Schnaps den Kopf abbiss (Körte). John Travolta bemerkte treffend dazu, sein Discofilm Saturday Night Fever sei Popkultur, während dem Pulp Fiction eine Reflexion der Popkultur sei. Darin liege ein gewaltiger Unterschied. Tarantino wurde bei Pulp Fiction von den Hollywood-B-Pictures, von der französischen Nouvelle-Vague sowie vom Action-Kino aus Hongkong, speziell demjenigen von John Woo und seinem Star Chow Yun-Fat, beeinflusst. Er hat alle diese Stile zugleich und gleich stark im Film verarbeitet. Viele Charakter in Pulp Fiction stammen aus der amerikanischen hard-boiled Literatur eines Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Jim Thompson, etc.: die Killer, der Gangsterboss, die Femme Fatale, der Boxer, der Mann für besondere Fälle (Körte). Dabei setzt Tarantino auf viele Stars, die aus den erwähnten Genres bekannt sind, wodurch sich eine Komik ergibt, bei der er sich allerdings nicht auf Kosten eines Travolta, Willis oder Keitel lustig macht. Die Geschichte dreht sich um die Killer Jules Winnfield (Samuel L. Jackson) und Vincent Vega (John Travolta), deren Boss Masellus Wallace (Ving Rhames) und dessen Frau Mia (Uma Thurman). Daneben gibt es den Boxer Butch (Bruce Willis) mit seiner französischen Freundin Fabienne (Maria de Madeiros). Weitere Geschichten werden eingebaut. So diejenige um eine goldene Uhr, die Captain-Koons (Christopher Walken) einem kleinen Jungen erzählt, oder jene um einen Spezialisten für schwierige Aufträge, Winston Wolf (Harvey Keitel), der den zwei Killern Anleitungen zur Reinigung des von ihnen unnötigerweise blutverspritzten Wagens gibt. Dabei ist in einer kleinen Rolle Dick Miller als Monster Joe zu sehen. Miller hat in über 130 billigen Horror-, Western-, Motorrad-, Highschool- und Beachparty-Filmen des Produzenten Samuel Z. Arkoff mitgewirkt. Eine Referenz an die B-Movies. Tarantino hatte nach Pulp Fiction keinesfalls nur Erfolge vorzuweisen. Er versuchte etwas gar stark seine Popularität auszunützen und erlebte mit Four Rooms und Destiny Turns On The Radio einen career backlash. Für From Dusk Till Dawn hat sich der junge Regisseur Robert Rodriguez (El Mariachi, Desperado) mit Quentin Tarantino zusammengetan, der nicht nur das Drehbuch geschrieben hat, sondern auch eine der Hauptrollen spielt. Entstanden ist ein origineller Mix aus Gangster- und Horrorfilm, der allerdings nur unterhält und an der Oberfläche bleibt. Doch der Film ist nicht (nur) für "Coole Kindsköpfe" (FAZ). Wie sich der Action-Movie von einem Moment auf den anderen in einen Vampirfilm verwandelt, wie Tarantino den Zuschauer immer wieder bestimmte Dinge erwarten lässt, um dann die geweckten Vorstellungen zu enttäuschen, die Ironisierung von Hollywood-Genres wie den Action-, Familien-, Polizei- und Vampirfilmen, das ist frech, überraschend und neu. Quentin Tarantino ist Richard Gecko, ein psychopathischer Gangster, der zusammen mit seinem Bruder Seth (George Clooney) eine blutige Spur durch Texas hinterlässt. Richard befreit Seth aus dem Gefängnis. Sie rauben eine Bank aus und hinterlassen auf ihrer Flucht eine Spur der Zerstörung, wobei Richard rasch ausrastet und zu Beginn, als die zwei eigentlich nur eine Strassenkarte in einem Laden holen wollen, gleich zwei Menschen umlegt. Danach entführen die Brüder den ehemaligen Baptisten-Prediger Jacob (Harvey Keitel). Dieser hat nach dem Tod seiner Frau sein Amt aufgegeben, scheinbar den Glauben verloren und zieht von Ort zu Ort, zusammen mit seinen zwei Kindern (Juliette Lewis und Ernest Lui). Richard verspricht ihm, ihn und seine Kinder freizulassen, wenn er sie nach Mexiko schmuggelt. Dort landen die Gangster zusammen mit ihren Geiseln im Titty Twister, einer Strip-Bar für geile Saufbrüder, zumeist Trucker. Eigentlich will Richard nur mexikanische Gangster für einen Deal treffen, doch das Titty Twister erweist sich, nach einem erotischen Schlangentanz von Salma Hayek, als ein Ort des Schreckens und des Todes, der von blutrünstigen Vampiren mit der unangenehmen Gewohnheit, sich am Blut der Gäste zu laben, geleitet wird. Doch die Geckos und ihre Geiseln wollen sich nicht kampflos verspeisen lassen. Seths Argumentation für den Gottesbeweis ist rational und bestechend: Da es die Hölle gebe, müsse es auch Gott geben. Das überzeugt auch Jacob - und nur mit einem gläubigen Priester können die Gefangenen die Vampire im Titty Twister bekämpfen. Das Lokal ist von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen geöffnet, daher der Titel, From Dusk Till Dawn. Das Schlussbild des Films zeigt die Rückseite des Ortes des Grauens: Das Nachtlokal steht an einem Abhang auf der Spitze eines aztekischen Tempels. Der Abgrund ist gefüllt mit verrottenden Lastwagen und Motorrädern. Jackie Brown basiert auf Elmore Leonards Rum Punch. Pam Grier, 1949 in North Carolina geboren und ein Star der Blaxploitation-Filme der 1970er (dazu gehört Foxy Brown, 1974), spielt die Hauptrolle. In Rum Punch eine Weisse, bei Tarantino eine Schwarze, was allerdings keinen grossen Einfluss auf den Film hat, ist Jackie Brown eine Frau, die bisher keine Kontrolle über ihr eigenes Leben hatte und ein eher schäbiges Dasein als Stewardess für eine zweitklassige Fluggesellschaft fristet. Nun möchte sie daraus ausbrechen. Samuel L. Jackson (*1948 in Washington D.C.) ist der schwarze Waffenhändler Ordell, der nur noch ein Ziel in seiner Karriere hat: eine halbe Million Dollar aus Waffengeschäften illegal in die USA bringen und sich danach zur Ruhe setzen (wozu allerdings die halbe Million nicht reichen würde...). Sein soeben auf Bewährung entlassener ehemaliger Zellennachbar Louis Gara (Robert De Niro, *1943 in NYC) soll ihm dabei helfen. Beaumont (Chris Tucker), der Ordell zuvor hätte helfen sollen, baute Mist und wäre in den Bau gewandert, wo er mit Sicherheit gesungen hätte, weshalb in Ordell abservieren musste, was er Louis auch erzählt, damit diesem klar ist, wer hier der Boss ist. Ordell wählt Louis als "Partner", weil er "as serious as a heart attack" sei. Jackie Brown enthält zwei "Liebesgeschichten". Zwischen Louis und Ordells kleiner weisser Freundin Melanie (Bridget Fonda, *1964 in Los Angeles) entspinnt sich eine Romanze - sofern das beim Charakter von Melanie überhaupt möglich ist. Louis hat Melanie zuletzt vor sechs bis sieben Jahren gesehen, als sie noch ein Teenager war. Melanie weiss, was Louis nach Jahren im Gefängnis braucht, und dieser steigt sofort auf ihr Angebot auf einen Quicky ein. Der Polizist Ray Nicolette (Michael Keaton) will Ordell überführen, doch dazu benötigt er die Hilfe der Stewardess Jackie Brown, einer schwarzen Frau in den Vierzigern (Pam Grier), die ihrerseits versucht, das Geld zu kriegen, indem sie zum Schein mit der Polizei kollaboriert und gleichzeitig den Gangstern weismacht, sie arbeite für sie. Nicolette ist ein Durchschnittscop, der sich für einen Polizisten hält, der die Sache völlig im Griff hat, sich dabei aber überschätzt. Die Perle des Films, wie Tarantino zu recht bemerkt, ist die zweite Liebesgeschichte, jene zwischen Jackie Brown und Max Cherry (Robert Forster). Die Stewardess und der Kautionsvermittler, der sie auf Auftrag von Ordell gegen Kaution aus dem Gefängnis holt, sind die zwei lebensechtesten Rollen, zwei Menschen aus Fleisch und Blut und keine stereotypen Charaktere, wie sie sonst die Filme von Tarantino ausfüllen. Robert Forster, der seine Karriere an einem Theater in Rochester, N.Y., begonnen hat, wurde völlig zurecht für seine Leistung für einen Oscar nominiert. Tarantino wählte Robert De Niro für die wichtige Nebenrolle von Louis, weil er einen Schauspieler wollte, der allein durch seine Körpersprache viel ausdrücken kann, da Louis hat nicht viel spricht. De Niro füllt die Rolle des unterbelichteten Verlierertypen perfekt aus und zeigt darin eine seiner überzeugendsten Darstellungen des letzten Jahrzehnts. Wie auch in seinen früheren Filmen enthält auch Jackie Brown Referenzen an die Filmgeschichte, wenn auch nicht mehr ganze Szenen. Tarantino spielt auch mit eigenen Zitaten. Den Anzug, den sich Jackie Brown im Kaufhaus bei der Geldübergabe kauft, ist derselbe, den Mia Wallace (Uma Thurman) in Pulp Fiction trägt. Als Jackie Brown ins Gefängnis kommt, ertönt der Song Long Time Woman, den Pam Grier einst im Film The Big Doll House sang. Im Gegensatz zu früheren Filmen Tarantinos ist die Musik in Jackie Brown jedoch nicht herausragend, abgesehen von der Soulmusik von Bobby Womack, dessen Across 110th Street in der langen Anfangs- sowie der Schlussszene gespielt wird. Die Musik der Delfonics, die Jackie Brown so liebt und für die sich deshalb auch Max Cherry interessiert, ist dagegen Trash. Tarantino hat auch in Jackie Brown wieder einige "Goofs" (logische Fehler) verbrochen, die auf dem Menu abrufbar sind. So spielt der Film im Jahr 1995, doch der Kalender in Jackies Küche ist aus dem Jahr 1997. Trotzdem ist dies natürlich Tarantinos bisher reifstes Werk. Erstmals kommen Personen mit wirklichen Gefühlen vor. Zudem werden viele Filme durch ein zu simples oder sonst unbefriedigendes Ende zum Schluss noch ruiniert, nicht so Jackie Brown. Ein Meisterwerk, das bereits bis Ende Februar 1998 knapp 40 Millionen Dollar eingespielt hatte Die Filmographie von Quentin Tarantino: - My Best Friend's Wedding (unvollendet, 1984-86) - Reservoir Dogs (1992) - True Romance (Drehbuch, 1993) - Natural Born Killers (Drehbuch, 1994) - Pulp Fiction (1994) - Four Rooms (Episode: The Thrill of the Bet, 1995) - From Dusk Till Dawn (Drehbuch, Darsteller, 1995) - Jackie Brown (1997) - Kill Bill 1 (2003) ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------- STANLEY KUBRICK Der am 7. März 1999 in England verstorbene amerikanische Regisseur Stanley Kubrick war am 26. Juli 1928 in der New Yorker Bronx geboren worden, also rund drei Jahre nachdem Arthur Schnitzler seine Traumnovelle in Die Dame veröffentlicht hatte, auf der Kubricks letztes Werk, Eyes Wide Shut, beruht. Dazwischen liegt eine lange Karriere mit relativ wenigen Filmen. Sein Vater, der Medizinstudent Jacques Kubrick heiratet 1927 in der Bronx Gertrude Perveler, die aus einer jüdischen Familie österreichischer Herkunft stammt. Im Jahr darauf wird Stanley geboren. 1942, er ist noch auf der highschool, publiziert das Magazin Look ein Foto von ihm. 1945, im zarten Alter von 17 Jahren, kann er Look das Bild eines Zeitungsverkäufers verkaufen, der von der Nachricht von Präsident Roosevelts Tod überwältigt ist. Im selben Jahr nimmt Stanley Kubrick die Ausbildung als Fotograf bei Look auf. 1946 wird er Reporter für das Magazin und bereist die USA und Europa. 1948 heiratet er seine Klassenkameradin Toba Metz. Zu seinen berühmten Fotos aus jener Zeit gehört die Serie über den Boxchampion Walter Cartier. Mit seinem Schulfreund Alfred Singer, einem Büroboten, beschliesst er 1950, billige Kurzfilme zu drehen. So entsteht der 16-minütige Kurzfilm Day of the Fight über Walter Cartier. Im Jahr darauf verlässt er Look, um sich ganz dem Film zuzuwenden. Nach seiner Scheidung heiratet Stanley Kubrick 1955 Ruth Sobotka, Tänzerin im New York City Ballet. Nach weiteren Filmen und erneuter Scheidung heiratet er 1958 die deutsche Malerin und Schauspielerin Christiane Harlan, die er auf dem Set zu seinem Antikriegsdrama Paths of Glory (der Film bleibt in einigen Ländern, so der Schweiz, jahrelang verboten) kennengelernt hat, und mit der er bis zu seinem Tod zusammenbleiben wird. Marlon Brando engagiert ihn im selben Jahr für seinen Western War and Peace als Regisseur, doch er geht im Streit, und mit einer Abfindung von 100 000 $. Brando hatte sich ständig in seine Arbeit eingemischt und führte nach seinem Abgang auch tatsächlich selbst Regie. 1959 übernimmt er vom nach nur acht Drehtagen gefeuerten Anthony Mann die Regie in Spartacus, obwohl er keinen Einfluss auf Drehbuch, Produktion und Verleih hat. Der Film ist Kubricks erster kommerzieller Erfolg und gewinnt mehrere Oscars und den Golden Globe für den besten Film. Er bleibt seine einzige All-Hollywood-Produktion. 1961 folgt Lolita, beruhend auf Nabakows gleichnamigem Buch. Der Film ist ein kommerzieller Erfolg, von der Kritik jedoch wird er kritisch aufgenommen. Stanley Kubrick gründet seine eigene Produktionsfirma und beschliesst, in Grossbritannien zu leben, wo er fast vierzig Jahre später sterben wird. 1963 dreht er für Columbia Pictures Dr. Stangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb. Die Vorlage zu dieser Satire über den Kalten Krieg mit Peter Sellers in drei Rollen bietet der Roman Red Alert von Peter George. 1968 folgt Kubricks 2001: A Space Odyssey. Erneut ein kommerzieller Erfolg, der von (Teilen zumindest) der US-Kritik zerrissen wird. Im Jahr darauf erhält er seinen ersten und einzigen persönlichen Oscar. Nicht für die Regieführung, sondern für die visuellen Effekte in seinem Science Fiction Film. 1970 folgt A Clockwork Orange, eine Satire auf filmische Gewaltorgien. Damit gewinnt er den New York Film Critics Award. Wegen Nachahmungstätern, copycat crimes, wird sein Werk nach zwei Jahren in Grossbritannien kritisiert und vom verletzten Kubrick zurückgezogen. 1973 beginnen die Arbeiten am Kostümdrama Barry Lyndon, nach dem Roman von William Makepeace Thackeray. 1976 erhält der Film vier Oscars. Drei Jahre später dreht er The Shining mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Wieder ein kommerzieller Erfolg und wieder Schläge von der Kritik. 1986 verstirbt sein Kameramann und Freund John Alcott, dessen innovative Kameraführung Kubrick in mehreren Filmen eingesetzt hatte. Bereits zuvor hat er die Arbeit am Vietnam-Kriegsdrama Full Metal Jacket, basierend auf der Novelle von Gustav Hasford, begonnen. Der Film kommt 1987 raus. Danach arbeitet Stanley Kubrick an mehreren Projekten, die nicht realisiert werden. Schliesslich kommt er auf Arthur Schnitzlers Traumnovelle zurück, mit der er sich seit Beginn der siebziger Jahre beschäftigt. 1996 nimmt das Projekt Formen an. Das Schauspielehepaar Nicole Kidman und Tom Cruise soll die Hauptrolle spielen. 1997 wird Stanley Kubrick in Venedig in Abwesenheit für sein Gesamtwerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Nach fünfzehn Monaten - und nachdem Harvey Keitel aus durch Syndey Pollack ersetzt worden war - enden die Dreharbeiten zu Eyes Wide Shut. Am 2. März 1999 kann Kubrick gerade noch Warner Bros. seine Endfassung präsentieren, bevor er fünf Tage später im Schlaf überraschend einem Herzversagen erliegt. Der Perfektionist Stanley Kubrick, der Szenen bis zu 50 mal wiederholen liess, wird von verschiedenen Seiten als kühl, absolut kontrolliert sowie als genial, aber schwierig beschrieben. Kirk Douglas (Spartacus) nannte ihn einen "talentierten Idioten". Matthew Modine (Full Metal Jacket) gegenüber erklärte Kubrick seine Gewohnheit, Szenen oft wiederholen zu lassen, am Beispiel von Jack Nicholson: Der habe erst auf dem Set die Zeilen gelernt. Bei den ersten takes habe man den gewohnten Jack Nicholson gekriegt, mit dem die meisten Regisseure zufrieden gewesen wären. Nach zehn oder fünfzehn takes sei das Ganze schrecklich geworden. Dann habe Nicholson begonnen zu verstehen, was die Zeilen bedeuteten und schliesslich sei er sich nicht mehr darüber bewusst gewesen, was er sagte. Nach 30 oder 40 takes seien so die zu sprechenden Zeilen zu etwas Neuem geworden. Stanley Kubrick meinte dazu: Die Leute machen nicht ihre Hausaufgaben. Terry Semel von der Warner Bros. Film Division, der seit Barry Lyndon eng mit Kubrick zusammenarbeitete, legte dar, dass Stanley seine Filme immer mit kleinen Crews und zu einem sehr tiefen Tagesansatz schoss. Deshalb sei er nie aus finanziellen Gründen unter Zeitdruck gestanden und habe sich so lange Zeit genommen, wie er brauchte. Wir fügen hinzu, dass für Stanley Kubrick der Film in erster Linie eine Kunstform und nicht - wie für viele in Hollywood - ein Business war. Eyes Wide Shut beruht auf Arthur Schnitzlers Traumnovelle. Doch sind Unterschiede klar erkennbar. Stanley Kubricks Film spielt im heutigen New York und nicht ihm Wien Schnitzlers. Sich abstützend auf Freuds Traumdeutung kommt der Traum als unbewusste Wunscherfüllung bei Schnitzler und Kubrick vor. Doch während dem bei Schnitzler die Anspielung auf unbewusste und unerfüllte Sehnsüchte mit Dänemark verbunden ist und als Motiv sehr direkt, um nicht zu sagen etwas plump, als "Parole", d.h. als Kennwort zum Einlass zur Orgie wieder auftaucht, heisst das Passwort bei Kubrick "Fidelio". Georg Seesslen (Filmbulletin) sieht in "Fidelio" einen Verweis auf Beethoven und Nietzsche, d.h. Fidelio als Ausbruch des Dionysischen, und zugleich ist es das Wort für Treue und somit eine Mahnung. Bei der Entlarvung an der Orgie ist Bill (Tom Cruise) sehr in der Rolle des Opfers, das die Maske abnimmt. Bei Schnitzler wehrt sich Fridolin tapfer, verlangt Genugtuung und behält die Maske auf. Der Schluss ist sowohl in Buch wie Film enttäuschend und bis auf den Schlusssatz in der Essenz gleich. Kubrick fügt ein: Alice: "Äh, ja, und es gibt etwas sehr Wichtiges, das wir äusserst dringend machen müssen." Bill: "Was denn?" Alice: "Ficken." Noch viele Details sind unterschiedlich, ganze Szenen und Personen sind von Kubrick erfunden und eingefügt worden, so Ziegler (Syndey Pollock). Doch auf den wichtigsten Unterschied ist unseres Wissens nach keine Kritik eingegangen: Der bei Schnitzler vorhandene und für seine Werke charakteristische innere Monolog fehlt bei Kubrick. So können wir nur aus der Mimik und Gestik von Bill (Tom Cruise) auf seine innere Konstitution schliessen. Eyes Wide Shut ist ein unterhaltsamer Film über die Brüchigkeit von Liebe und Wahrheit. Lediglich der auf der literarischen Vorlage beruhende uninspirierte Schluss missfällt uns. Ist "das Leben geht weiter" zumindest bei Kubrick, entgegen dem ersten Anschein, doch der alte pessimistische Kubrick? -------------------------------------------------------------- KEVIN SMITH Das Multitalent Kevin Smith trat zum ersten mal 1994 in Erscheinung. In seiner 27.000 Dollar Komödie Clerks schilderte Smith einen verrückten Tag im Leben des Angestellten Dante und gewann damit den Filmmakers Trophy Award bei den Sundance Filmfestspielen. Der Film wurde im Verhältnis zu den Produktionskosten der profitabelste des Jahres 1994. Dank dieses großen Erfolges konnte Kevin Smith seine Comicsammlung zurückkaufen, die er zuvor zu Geld machte, um Clerks zu finanzieren. Auch seine Produktionsgesellschaft View Askew, die er mit seinem Freund und Produzent Scott Mosier betreibt, wurde durch den Erfolg von Clerks bekannt. Smiths nächster Streifen Mallrats stellte einen herben Rückschlag in seiner Karriere dar, der Film floppte und Kevin Smith wurde von den Kritikern totgesagt. Der Film spielt zeitlich vor Clerks, und es geht um eine Gruppe von Jugendlichen, die in einem Einkaufszentrum ein Chaos anrichten wollen. Nachdem Kevin Smith den Mißerfolg von Mallrats ausgekostet hatte, kam er 1997 mit dem Film Chasing Amy zurück. In dem Film verliebt sich ein Mann in eine lesbische Frau. Der Film ist zeitlich gesehen ein Sequel von Clerks. Das Drehbuch zu seinem neuesten Film Dogma, schrieb Kevin Smith bereits vor Clerks, doch er wollte mit der Produktion abwarten, bis er die Special Effects finanzieren konnte. In dem Film geht es um zwei gefallene Engel, die einen Weg zurück in den Himmel suchen. Der kontrovers diskutierte Film nimmt die katholische Kirche auf die Schippe. Wie seine drei anderen Filme fügt sich auch Dogma ins zeitliche Gerüst von Kevin Smith ein. In Chasing Amy hält Jay zwei Tickets nach Chicago in den Händen, genau der Stadt, in der Dogma beginnt. ---------------------------------------------------------------------------------------------- ROMAN POLANSKI Roman Polanski wurde am 18. August 1933 in Paris als Kind polnisch-jüdischer Eltern geboren. Aufgrund des Antisemitismus in Frankreich kehrte die Familie 1937 nach Polen zurück. Seine Mutter starb im KZ, dem Polanski durch Flucht aus dem Krakauer Ghetto entgehen konnte. In der Folgezeit mußte er sich allein durchschlagen und sich auf dem Land vor den Nazis verstecken. Als Jugendlicher entwickelte er eine Leidenschaft für das Kino und die Schauspielerei. Unmittelbar nach Kriegsende kam er zum Rundfunk und wirkte bei Hörspielen für Kinder mit; kurz danach spielte er schon beim Theater. 1954-59 besuchte er die Staatliche Filmhochschule in Lodz, die er als ausgebildeter Regisseur verließ. Mit seinen Kurzfilmen und seinem ersten großen Erfolg Das Messer im Wasser (1962) machte er in der europäischen Filmwelt auf sich aufmerksam. 1963 verließ er Polen. Mit Ekel (1965) gelang ihm der nächste Coup, auf den mit Tanz der Vampire von 1967 (seinem wohl populärsten Film) und Rosemaries Baby (1968) zwei weitere folgen sollten. Das Jahr 1969 bedeutete eine Zäsur in seinem Leben: Seine im achten Monat schwangere Frau Sharon Tate (die in Tanz der Vampire spielte) sowie ihre vier Gäste wurden in Los Angeles von Anhängern einer Sekte um Charles Manson ermordet. Dieser sah sich als verkannter Künstler und vermutete in Polanskis Wohnung einen gewissen Terry Melcher, den er für sein Scheitern verantwortlich machte. Polanskis bis dahin optimistische, erfolgsorientierte Lebenseinstellung wandelte sich von nun an in Pessimismus. Der Tod seiner Frau hinterließ in ihm zeit seines Lebens Schuldkomplexe. Polanski nahm seine Arbeit jedoch bald wieder auf. Mit Macbeth (1971) wagte er sich an einen schwierigen Stoff, den er auf gleichsam beeindruckende wie blutrünstige Weise adaptierte. 1978 sah sich Polanski gezwungen, die Vereinigten Staaten zu verlassen, da er in Verdacht stand, ein dreizehnjähriges Mädchen unter Drogen gesetzt und vergewaltigt zu haben. Nach dem Mißerfolg von Tess (1979) folgte eine filmische Schaffenspause von mehreren Jahren, die er u.a. mit dem Abfassen einer Autobiographie (Roman, 1984) füllte. Das Œuvre Ekel, Rosemary’s Baby, Der Mieter stehen in thematischer Nähe. Gerade die letzten beiden behandeln die scheinbare oder tatsächliche Verschwörung einer Gruppe gegen ein Individuum. Bei diesen Filmen wird die Spannung und Verdichtung durch die Isolation und das Ausgeliefertsein der Protagonisten verschärft. Sie können nicht fliehen bzw. können nicht aus ihrem Dilemma heraus. Nicht nur in diesem Punkt findet sich eine Parallele zum Absurden Theater, mit dem Polanski sich auch in seinen Kurzfilmen beschäftigte. Absurd wird die Welt dann, wenn wir sie mit unseren Erklärungsmustern nicht mehr einordnen können. Genau dieses Widersinnige versucht Polanski, besonders in Ekel, zu zeigen. Was bedeuten z. B. die seltsam gebückten und vorwärts marschierenden Straßenmusikanten? Was will uns der abgeschlagene Kaninchenkopf in Carols Handtasche sagen? Gut, letzteres gehört wohl zum Krankheitsbild Carols; doch die Bilder, die uns Polanski präsentiert, frappieren. Insofern ist die gezeigte Absurdität bei ihm nicht langweilig und leer, sondern unheimlich und schockierend. Nicht von ungefähr werden diese Streifen von der Filmindustrie mit dem ausgelutschten Begriff "Psychothriller" bezeichnet. Franco Soldo Bitter Moon (Lunes de fiel) Mittwoch, 22. April 1998, 19.30 Uhr R: Roman Polanski B: Roman Polanski, Gérard Brach, John Brownjohn K: Tonino Delli Colli M: Vangelis D: Emmanuelle Seigner, Peter Coyote, Hugh Grant, Kristin Scott Thomas P: F/GB 1991 V: 35 mm L: 139 min. Während einer Schiffsreise nach Indien erzählt der an den Rollstuhl gefesselte amerikanische Schriftsteller Oscar (PC) dem jungen Nigel (HG), in dessen Ehe mit Fiona (KST) es kriselt, von seiner einst leidenschaftlichen Beziehung mit Mimi (ES), die auch an Bord ist. Nigel ist gebannt von dieser Geschichte, die ihn oft peinlich berührt, wenn von den sexuellen Exzessen des Paares die Rede ist. Es offenbart sich ihm das genaue Gegenteil seines flauen Ehe- und Sexuallebens. Er begegnet Mimi und fühlt sich sogleich von ihr angezogen, wodurch er zu einem bereitwilligen, aber auch angewiderten Zuhörer wird. Denn diese geschilderte Liebesbeziehung entwickelt sich bei abwechselnder Rollenverteilung zu einem Herr-und-Diener-Verhältnis der üblen Sorte. Rosemaries Baby (Rosemary’s Baby) Dienstag, 12. Mai 1998, 19.30 Uhr R+B: Roman Polanski K: William Fraker M: Krzysztof Komeda D: Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Maurice Evans P: USA/1968 V: 16 mm L: 136 min. Rosemary (MF) und Guy Woodhouse (JC) beziehen eine Wohnung in New York. Sie machen die Bekanntschaft mit ihren Nachbarn Roman (SB) und Minnie Castevet (RG), einem älteren Ehepaar, das sich für die beiden ausgesprochen interessiert. Guy erwidert dieses Interesse und hält sich sehr oft bei den Nachbarn auf. Eines Abends, als Rosemary und ihr Mann zur Feier des Tages (denn sie haben beschlossen, ein Baby zu zeugen) zu Hause fein speisen, bringt die schrullige Minnie ihnen ein Dessert vorbei. Dieses übelschmeckende Etwas läßt Rosemary in Ohnmacht fallen. In ihrem traumartigen, unheimlichen Zustand fällt ein Monster über sie her. Am nächsten Morgen offenbart ihr Guy, daß er trotz ihres Knockouts mit ihr geschlafen habe (da haben wir’s wohl...). Die bisher alles erduldende und nun schwangere Rosemary fängt an, all die Vorkommnisse um sie herum seltsam und beängstigend zu finden. Sie erfährt über ihren später unter mysteriösen Umständen umkommenden Freund Hutch (ME), daß sie es bei den Castevets mit einer okkulten Sippe zu tun hat. Sie fängt an zu glauben, man wolle ihr Baby opfern. Wird man ihr bei ihrer Suche nach Hilfe und Schutz glauben? Es hört sich doch alles sehr phantastisch an... Der Mieter (Le locataire) Mittwoch, 20. Mai 1998, 19.45 Uhr R: Roman Polanski B: Gérard Brach, Roman Polanski K: Sven Nykvist M: Philippe Sarde D: Roman Polanski, Isabelle Adjani, Shelley Winters, Melvyn Douglas P: F/1975 V: 16mm L: 125 min. Der schüchterne und zurückhaltende Trelkovsky (RP) bezieht in Paris eine Wohnung. Er erfährt, daß sich seine Vormieterin Simone Choule aus ungeklärten Gründen aus dem Fenster gestürzt hat. Sein Vermieter und die Nachbarn sind ihm gegenüber unfreundlich und mißtrauisch. Er besucht Simone (die wenige Tage darauf stirbt) im Krankenhaus. Dort begegnet er ihrer Freundin Stella (IA), die von nun an eine Bezugsperson für ihn wird. Trelkovsky fühlt sich bedroht und eingeengt von der Welt des Mietshauses, in der keinerlei Lärm geduldet wird und aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Er verfällt allmählich Wahnvorstellungen, weil er glaubt, seine Nachbarn hätten sich gegen ihn verschworen und wollen ihn in den Tod treiben. Polanski versteht es auf meisterliche Weise, den Prozeß der Isolation und des psychischen Verfalls des Protagonisten aus dessen Perspektive zu zeigen. Das graue und düstere Paris, die Menschen sowie die gesichtslose Wohnung vermitteln eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Fremdheit, die sich auf den Zuschauer überträgt. Ekel (Repulsion) Dienstag, 23. Juni 1998, 20 Uhr R: Roman Polanski B: Roman Polanski, Gérard Brach K: Gilbert Taylor M: Chico Hamilton D: Cathérine Deneuve, Ian Hendry, Yvonne Furnaux, J. Fraser P: GB/1965 V: 35 mm L: 105 min. Die Maniküre Carol (CD) lebt mit ihrer Schwester Helen (YF) in einer Londoner Wohnung. An ihrem Arbeitsplatz versinkt sie in apathische Zustände. Auf die Frage, was ihr fehlt, kann oder will sie nicht antworten. Colin (JF), der sich für sie interessiert, muß feststellen, daß er ihr gleichgültig ist. Genau genommen kann sie Männer und alles, was mit ihnen zu tun hat, nicht ausstehen. Die Zahnbürste und das Rasiermesser des Freundes ihrer Schwester ekeln sie regelrecht an. Als sie dann für mehrere Tage allein in der Wohnung ist, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Sie bildet sich ein, wie nachts jemand in ihre Wohnung eindringt und sie vergewaltigt. Sie meint ferner zu sehen, wie sich an der Wand Risse bilden. Als Colin sie einmal besucht, erschlägt sie ihn und legt ihn in die mit Wasser gefüllte Badewanne. Dem Vermieter, der seine Monatsmiete haben will, ergeht es nicht besser: ... Polanski: "Repulsion war eine Fallstudie der Desintegration eines seelisch kranken Mädchens. Ich war daran interessiert, ihre Krankheit zu zeigen und eine Stimmung zu erzeugen [...]. Das Ende, die Nahaufnahme des Familienfotos (in dem Carol ihren Vater eindringlich und doch distanziert anzusehen scheint), sollte zeigen, daß das Mädchen von Anfang an so war." Erstaunlich an diesem Film ist, wie die Realität mit ihren Merkmalen und Konventionen einer dinglichen, sprachlosen, wenn auch nicht ganz toten Welt (Verwesung des zubereiteten Kaninchens, die beiden Leichen als Wohngesellen Carols) Platz macht. Man betritt wahrhaftig die Landschaft von Carols Seele, wie sich Polanski ausdrückt. The Death and the Maiden (Der Tod und das Mädchen) Mittwoch, 1. Juli 1998, 20 Uhr R: Roman Polanski B: Rafael Yglesias, Ariel Dorfman K: Tonino Delli Colli M: Wojciech Kilar D: Sigourney Weaver, Ben Kingsley, Stuart Wilson, Krystia Mova P: GB/F 1994 V: 35 mm, OF L: 103 min. Eine ehemalige Widerstandskämpferin (SW), die unter einer Militärdiktatur inhaftiert war und gefoltert wurde, glaubt in einem Arzt (BK) jenen Peiniger wiederzuerkennen, der sie zu Schuberts "Der Tod und das Mädchen" mehrmals vergewaltigte. Sie überwältigt ihn und veranstaltet ein Privattribunal gegen ihren mutmaßlichen Peiniger, was auf den Widerstand ihres Mannes stößt, der als Anwalt Ambitionen auf den Posten des Justizministers hat. Wir haben es hier mit einem spannend inszenierten Psychothriller mit großartiger Besetzung und glänzenden Dialogen zu tun. Der Film vermittelt ein konkretes, eindringliches Bild von den unendlichen Qualen der mißhandelten (weiblichen) Opfer sowie der unauffälligen Beschaffenheit des Tätertyps und verdichtet sich zudem zur Auseinandersetzung mit Rache und (möglicher) Vergebung. Das Messer im Wasser (Noz W Wodzie) Donnerstag, 9. Juli 1998, 19.45 Uhr Und als Vorfilme: Zwei Männer und ein Schrank und Säugetiere R: Roman Polanski B: Roman Polanski, Jakub Goldberg, Jerzy Skolimovski K: Jerzy Lipman M: Krzysztof Trzcinski-Komeda D: Leon Niemczyk, Jolanta Umecka, Zygmunt Malanowicz P: Polen/1962 V: 35 mm, sw L: 93 min. Das Ehepaar Andrzej (LN) und Krystyna (JU) fährt zum Segeln an die Masurischen Seen. Unterwegs nehmen sie einen Studenten (ZM) mit, was Andrzej zunächst eher widerwillig tut. Schließlich lädt er ihn ein mitzusegeln, denn er sieht in dem jungen Mann sowohl eine Herausforderung als auch die Möglichkeit, Macht auszuspielen. Die beiden Hauptdarsteller repräsentieren den Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Generationen: der eine, der etablierte, versucht das zu bewahren, was er hat (letztlich auch die Frau); der andere versucht sich gegenüber der Unterdrückung und Bevormundung der "Erfahreneren" zu behaupten. |